Auf zur Nordsee – Tag 7

Am letzten Tag dieser Reise ist von Anfang an klar, dass ich Zuhause ankommen werde, da es nur noch 60 km sind.
Als ich kurz vor acht losfahre, hat es gerade aufgehört zu regnen. Trotzdem ziehe ich meine Regensache an, weil der Himmel noch ziemlich düster aussieht.
Doch schon nach 1,5 km wird mir so warm, dass sie wieder in den Taschen verschwinden.

Eine Stunde später bin ich froh, dass ich gestern nicht direkt nach Hause gefahren bin. Denn die Radwanderwege führen mich mal wieder über komische Wege. Irgendwann fahre ich über eine Art Strand, dessen Sand durch den Regen dermaßen aufgeweicht ist, dass das Fahrrad ein paar Zentimeter einsinkt und ich schieben muss.
Was ich dabei nicht merke ist, dass sich der Sand zwischen den Bremspacken und den Felgen festsetzt und beides ziemlich abschleift. Bei den Felgen ist das nicht so wild, aber nicht für die Bremsbacken.
Hätte ich gewusst, was ich denen damit antue, hätte ich sie vor dem Sand entspannt. So entspanne ich nur den hinteren, um das lästige Schleifgeräusch loszuwerden.

Irgendwie lande ich mit Hilfe einen Passanten dann doch in Bad Laer. Hier orientiere ich mich kurz auf der Karte und mache mich direkt auf den Weg nach Versmold.

Ab hier wird es einfach. Über Versmold geht es nach Harsewinkel und Marienfeld nach Gütersloh.
Ich muss nur noch einmal die Regensachen überziehen und ziehe sie bis nach Hause nicht mehr aus.
Und Mittags stehe ich dann wieder vor meiner Haustür.

Gefahrene km: 57,08
reine Fahrtzeit:3h 22min

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Auf zur Nordsee – Tag 6

Beim Frühstück fühle ich mich ein klein wenig komisch, weil ich hier der einzige bin, der frühstückt. Deswegen ist der Tisch ganz für mich gedeckt.
Entsprechend gibt es etwas mehr heute. Zwei Brötchen, ein Ei und zwei Scheiben Brot.

Danach geht es bei drei Grad weiter Richtung Süden. Ich fahre einfach die Straße weiter, die ich gestern gekommen bin.
Auf der Karte sehe ich dann, dass die B68, die direkt nach Osnabrück führt, ganz in der Nähe ist. Und schon habe ich einen Weg für den Rest des Tages. Und ein Ziel.

Allerdings merke ich recht schnell, dass Deutschland nicht für Fahrradfahrer gemacht ist, die auch mal auf größeren Straßen fahren möchten. Über kleinere Straßen geht das wesentlich besser, dauert aber länger. Und da ich heute wieder reichlich Kilometer machen möchte, halte ich mich eben an die Großen.

Das Problem an der Geschichte ist nur, dass mir für ca. 30 km die Karte fehlt. Sie fängt erst in Alfhausen wieder an.
Aber mit Fragen und Verkehrsschildern komme ich dort auch an. Hier entscheide ich mich auch wieder für die Radwanderwege. Inzwischen habe ich die Schnauze voll von den großen Straßen.
Immer dieser Autoverkehr, macht mich als Radfahrer irgendwann ganz verrückt.

In Osnabrück stürze ich mich in den Großstadtdschungel und merke sofort, dass ich lieber über Land fahre (Stichwort: Autos).
Einfach aus Spaß fahre ich zum Bahnhof um nach einer Verbindung nach Gütersloh zu suchen. Nicht, dass ich jetzt aufgeben möchte, ich bin einfach nur neugierig.
Aber bereits auf dem Bahnhofsvorplatz entscheide ich mich dagegen. Außerdem ist Bielefeld hier bereits als Radwanderweg beschildert (was sehr selten ist bei der Entfernung).
Bleiben mir also zwei Optionen: Ich könnte mir hier in Osnabrück ein Hotel suchen oder bis in die Nacht durchfahren.
Wie schon so oft in dieser Woche, lasse ich das Schicksal entscheiden. Ich fahre einfach bis Sutthausen und wenn ich bis dahin einen Imbiss gefunden habe, fahre ich durch. Wenn nicht, suche ich mir ein Hotel.

Und ich finde weder das eine noch das andere. Ich fahre bis Georgsmarienhütte und halte Ausschau nach einem Hotel, doch hier scheint es nur Restaurants zu geben und ich lande irgendwann in Oesede.
Hier gerate ich auf eine Kirmes und muss mein vollbepacktes Fahrrad schieben. Bei der Menschenmenge ist nicht mehr viel mit fahren.
Irgendwie wusele ich mich da durch und bin erleichtert, als sich die Menge lichtet. Ich habe inzwischen auch keine Lust mehr, zu fahren und frage beim nächsten Imbiss nach einem Hotel.
Die nette Frau hinter dem Tresen sagt, ich müsse einfach die Straße runter fahren, dann kommen sogar zwei.
Da die Landstraße ziemlich stark befahren ist, weiche ich auf den Bürgersteig aus, der leider auf der linken Seite liegt, das Hotel aber auf der Rechten. Es dauert fünf Minuten, bis ich endlich genug Platz habe, um über die Straße zu fahren.

Im Hotel (Herrenrest) bekomme ich sogar eine ganze Garage für mein Fahrrad und genieße zum Abendessen einen Sauerbraten.

Gefahrene km: 126,46
reine Fahrtzeit:7h 35min

Auf zur Nordsee – Tag 5

Ich wache ausgeschlafen auf, packe meine Sachen und verlasse das Hotelzimmer.
Doch ich bin eine halbe Stunde zu früh. Das Frühstück gibt es erst später. Die Zeit nutze ich daher um mich mit einem anderen Hotelgast zu unterhalten und mich um mein Fahrrad zu kümmern. Ich muss einfach nur die Kette und den Ständer ölen. Beides fing gestern an zu quietschen. Abgesehen davon ist nichts am Rad dran. Das Ding läuft perfekt, wie am ersten Tag.

Dann gibt es Frühstück und während ich im Restaurant sitze, fängt es draußen heftig an zu regnen. Die anderen Gäste murmeln etwas, aber ich denke nur daran, dass meine Regenkleidung in einer der Taschen auf dem Fahrrad ist. Also heißt es gleich wieder: Im Regen überziehen.
Aber das ist kein Problem. Es hat die letzten Tage immer wieder mal für ‘ne halbe Stunde geregnet, dass ich inzwischen Übung habe.

Nach dem Frühstück ziehe ich unter mitleidigen Blicken der anderen Gäste die Regensachen an und fahre los.
Erstes Ziel ist der Bahnhof von Wittmund, wo ich entscheiden werde, ob ich mit der Bahn nach Bremen fahre oder mit dem Fahrrad nach Hause. Wobei mein Körper ersteres bevorzugt, mein Verstand aber letzteres.

In Wittmund angekommen finde ich auch sofort einen Bahnhof, der nicht größer ist als der von Avenwedde Bahnhof Zuhause. Und auch die Züge fahren nur bis nach Jever und Wilhelmshaven.
Ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust, mich durch das Schienen- und Verbindungsnetz der Deutschen Bahn zu quälen. Deswegen entscheide ich mich jetzt dazu, den Rest des Weges mit dem Fahrrad zu fahren.
Alles andere würde einer Niederlage gleichkommen.

Also geht es weiter Richtung Süden. Zwischendurch ruft mein Taxi-Chef an und fragt, wann ich wieder fahre.
Ansonsten passiert nicht viel heute. Ich bin einfach nur unterwegs. Nur dass ich mich statt an den Radwanderwegen mehr an großen Straßen orientiere. Das ist dann zwar nicht unbedingt die reizvollste Strecke, aber ich komme unheimlich gut voran.
Teilweise fahre ich zehn Kilometer immer nur gerade aus und meine Gedanken schweifen immer weiter ab. Mal hierhin und mal dorthin. Nur beim Fahrradfahren sind sie nur sporadisch.

Bis nach Friesoythe. Hier erweist es sich als Fehler, dass ich den großen Straßen gefolgt bin. Denn plötzlich stehe ich vor einer großen Umgehungsstraße, auf die ich mit dem Rad nicht drauf darf. Also muss ich wieder in den Ort rein und habe soeben drei Kilometer Umweg gemacht. Mit dem Auto hätte das nicht gestört, mit dem Fahrrad, können drei Kilometer aber zu einer großen Strecke anwachsen.
Immerhin sehe ich auf dem Weg einen Wegweiser zu einem McDonalds und mein Hunger auf einen Burger ist wieder da.
Und ein paar Kilometer hinter dem Ort finde ich auch einen.
Einen McRib, einer Cola und einer Portion Pommes später geht es weiter.

Schließlich lande ich in einem kleinen Ort namens Markhausen, wo ich direkt an der Straße ein Hotel finde, wo ich über Nacht bleibe.
Auf mein übliches Abendessen im Hotelrestaurant verzichte ich heute, da ich ja vorhin einen Burger hatte.

Gefahrene km: 111,06
reine Fahrtzeit:5h 44min.

Auf zur Nordesee – Tag 4

Wie gehabt sitze ich um Viertel nach acht wieder auf dem Rad und habe zum ersten Mal auf dieser Reise keinen Plan, wo es hingehen soll. Zur Auswahl stehen der Norden und eine der Ostfriesischen Inseln und der Osten mit einem Besuch bei meinen Großeltern.
Wie schon so oft lasse ich das Schicksal entscheiden..

Aber als erstes fahre ich zur Südpromenade, die um diese Uhrzeit (und Jahreszeit) noch wie ausgestorben ist. Hier finde ich auch die Hotels, die ich letzte Nacht so vergeblich gesucht hätte. Ich hätte vor dem Kiosk Fliegerdeich einfach weiter an der Küste entlang fahren sollen …

Trotzdem sehe ich auf einem Parkplatz die übliche „Weißware“ (siehe Foto). Offenbar ist die Saison noch nicht ganz vorbei.

Ein paar Meter weiter finde ich ein Kassenhäuschen für eine Fähre, die aber offenbar nur auf die andere Seite des Jadebusens fährt. Oder ich habe einfach keine Ahnung, wie man Seekarten liest.
Jedenfalls frage ich denn Mann in dem Häuschen, ob von hier eine Fähre nach Wangerooge fährt. Er verneint und meint, ich müsse dafür weiter nach Norden fahren.
Und damit steht mein Ziel für heute fest. Die Insel Wangerooge.

Also geht es Richtung Norden. Der für mich offensichtliche Weg (und wahrscheinlich auch der schönste) führt direkt an der Lüste entlang. Es ist vielleicht nicht der schnellste Weg, aber mit Sicherheit der reizvollste.
Doch noch in Wilhelmshaven ist die Küste gesperrt und wird von der deutschen Marine in Beschlag genommen. Es gibt kein Vorbeikommen.
Mir bleibt nur der Weg zurück in die Stadt. Mehrere Kilometer am Hafen entlang, bis zur ersten Brücke auf die andere Seite.

Hier finde ich recht schnell die Radwanderwege und merke, dass ich einen Großteil der Strecke gestern schon gefahren bin.
Aber nach ein paar Minuten bin ich aus dem Ort raus und wieder auf dem Land. Vom Meer ist zwar nicht mehr viel zu sehen, aber ich merke trotzdem, dass ich mitten in Ostfriesland bin. Die Landschaft hier ist einfach einmalig.
Auf dem Weg frage ich einmal einen Postboten nach der Richtung (Danke, Kollege) und suche mir schließlich Harlesiel als Ziel aus. Das liegt einen Kilometer nördlich von Carolinensiel, hat aber den Hafen nach Wangerooge.

Doch, bevor ich da ankomme, muss ich erst mal zehn Kilometer gegen den Wind radeln. Ich glaube, wenn ich wieder Zuhause bin, werde ich mich nicht mehr über die hiesigen Windverhältnisse aufregen.

In Carolinensiel angekommen staune ich nicht schlecht. Hier sind sogar die Inseln beschildert, wie gewöhnliche Ortschaften. Und das obwohl auf diesen Inseln nicht einmal Autos zugelassen sind.

In Harlesiel stürze ich mich in das Touristengetümmel. Den Menschenmengen nach zu urteilen ist wohl gerade eine Schulklasse auf dem Weg zur Insel.
Zum Glück ist die Kasse frei und ich nehme ein Tagesticket für ca. 22€. Nur das Fahrrad muss extra zahlen (einfache Fahrt: 11,30€).
Ziemlich teuer, wie ich finde. Und ich muss auch noch alles von meinem Rad abbauen. Wäre es nicht viel einfacher, wenn ich das Rad mitsamt Gepäck einfach an Bord schiebe und selbst drauf aufpasse.
Aber das wird schon seinen Sinn haben und ich weiß, dass ich diese Insel das nächste Mal zu Fuß erkunde (wenn überhaupt).

Auf der Fähre selbst habe ich ein bisschen Angst, ob ich mein Rad denn auch in einem Stück wieder sehe, aber es klappt alles ganz gut. Ich mache ein paar Fotos und nach 50 Minuten sind wir angekommen.

Hier baue ich mein Rad wieder zusammen und fahre los, während die meisten Touristen mit der Inseleigenen Bahn fahren. Das erinnert mich ein wenig an den Snowdon, wo ich vor etlichen Jahren etwas ähnliches erlebt habe.
Auch die Landschaft ist hier ganz anders. Überall gibt es dünne Gräser und Dünen, die mit Verbotsschildern „gesichert“ sind. Da merkt man wirklich den Einfluss der Tourismusbranche.

Der Ort selbst ist genauso, wie man sich ein Dorf auf so einer Insel vorstellt.
Sehr idyllisch.
Diese beiden Wörter beschreiben es einfach perfekt. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass es keine Autos auf dieser Insel gibt.

Ich fahre weiter und komme in der Fußgängerzone an. Als ich vom Rad absteige um zu schieben, spricht mich ein einheimischer an, warum ich das denn täte.
Er ist offenbar betrunken, aber trotzdem lasse ich mich auf ein kurzes Gespräch ein. Aber wirklich interessantes hat der Mann nicht zu erzählen und nach ein paar Metern lässt er mich wieder alleine. Ich kaufe ein paar Postkarten, weil ich ein paar Freunden und Verwandten versprochen habe, zu schreiben und sehe mir noch den Nordstrand an.
Hier gibt es sogar Wohnungen mit Meerblick. Da werde ich richtig neidisch.

Aber schließlich beschließe ich, die Insel wieder zu verlassen. Ich nehme den gleichen Weg zum Hafen, wie vorhin schon. Es gibt ja nicht viele Alternativen hier. Den Flugplatz lasse ich aus, obwohl der vielleicht auch noch ganz interessant gewesen wäre.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich in den letzten Tagen viel unterwegs war und es hier nicht mehr sein kann, aber ich muss wieder zurück aufs Festland. Für ein Wochenende ist Wangerooge eine wunderbare Insel, aber nicht für einen Reisenden wie mich.

Am Inselhafen frage ich eine Frau nach der Kasse und erfahre, dass ich auf dem Festland bezahlen muss. Zum Glück habe ich eine Tageskarte. Nur um mein Fahrrad mache ich mir ein wenig Sorgen, da ich den Transportaufkleber schon abgerissen habe. Ich konnte doch nicht ahnen, dass ich den noch einmal brauche.
Wahrscheinlich hätte ich die Rückfahrt schon vorher kaufen müssen. Aber das erfahre ich nie, weil ich auch nicht danach frage.

Zurück auf dem Festland, bekomme ich nur eine Kommentar der Deckcrew, wegen des fehlenden Aufklebers, aber ansonsten ist alles in Ordnung.
Ich bezahle die Rückfahrt, was die Dame am Schalter ziemlich irritiert, weil ich vor ein paar Stunden ja schon einmal da war.

Dann mache ich mich wieder auf die Suche nach einem Hotel und finde das Hotel Friedrichschleuse. Wie gestern schon hätte ich nur ein paar Meter weiter gucken müssen und hätte noch viel mehr gefunden.
Aber was soll’s. Der Preis ist in Ordnung, das Zimmer gemütlich und das Essen super.
Ich bestelle ein Schnitzel und bekomme sogar zwei. Klasse!
Doch vorher frage ich noch nach einer Bank, da das Restaurant keine Kartenzahlung kann und ich sowieso dringend Bargeld brauche.

Nachdem das alles erledigt ist, gehe ich duschen und falle dann ins Bett.
Gute Nacht.

Gefahrene km: 84,93
reine Fahrtzeit: 5h 16min

Auf zur Nordsee – Tag 3

Heute gibt es im Hotel ein Frühstück, bestehend aus drei Brötchen, bevor ich mich wieder auf mein Fahrrad schwinge und weiter Richtung Norden fahre.
Noch weiß ich nicht, wo ich raus kommen werde, weiß aber, dass die Küste nur noch etwas über hundert Kilometer entfernt ist (dank sei Google Maps). Das könnte ich schaffen. Aber wie die letzten beiden Tage heißt das Motto heute auch: Einfach mal fahren und dann gucken, wo man ist.
Doch bevor ich los fahre, mache ich noch einen Abstecher zur Bank, zwecks Bargeld und einen zu Lidl, zwecks Reiseproviant.

Erst danach geht es richtig los. Im Gegensatz zu gestern, stehen hier keine Radwanderschilder direkt vor dem Hotel. Aber ich fahre einfach grob Richtung Norden. Irgendwo werde ich schon ankommen.

Ziemlich schnell habe ich das Gefühl, heute besser voran zu kommen, als gestern. Das liegt wahrscheinlich, dass ich die Dammer Berge hinter mir habe und es nördlich davon nur noch Flachland gibt. Also keine Steigung mehr und leider auch kein Gefälle. Dafür mehr Wind.
Nur Landschaftlich ändert sich nicht viel. Ich fahre immer noch durch die bekannte Mischung aus Alleen und Maisfeldern.

Da ich ja wirklich ohne Plan los gefahren bin, stand von Anfang an auch die Überlegung im Raum, ob ich nicht auch einen Abstecher nach Bremen zu meinen Großeltern mache. Und da ich immer weiter nördlich bin, wird es langsam Zeit, mir einen Richtung auszudenken.
Leider sackt meine Motivation auch immer weiter nach unten (was wahrscheinlich an der eintönigen Landschaft liegt), dass ich kurz überlege, ob ich von Bremen aus nicht einfach einen Zug nach Hause nehme.
Aber das habe ich letztes Jahr auch schon gemacht und schon damals hatte es den faden Beigeschmack der Niederlage. Und noch einmal wollte ich mir dieses Gefühl nicht antun.
Nein!
Dieses Mal schaffe ich das!
Gleichzeitig überfällt mich eine unbändige Lust auf einen vor Fett triefenden Burger von McDonalds oder Burger King. Aber entweder bin ich in den falschen Ecken, oder so etwas gibt es hier wirklich nicht. Schade drum.

Als ich dann mal wieder anhalte um meine Karten zu sortieren und mich zu orientieren, merke ich, dass ich weiter nach Osten abgedriftet bin, als geplant, dafür aber der Küste bereits näher bin als gedacht. Viel mehr als zehn/fünfzehn Kilometer sind das nicht mehr. Also heißt es für Heute: Vergiss Bremen! Meer, ich komme!
Auch, wenn es „nur“ der Jadebusen ist, ist es für mich doch etwas besonders. Als Ostwestfale bin ich solche Wassermengen nicht gewöhnt.

Hier merke ich auch, dass ich jetzt ganz tief in Ostfriesland stecke. Überall stehen Windräder in der Gegend rum und grasen die Kühe, die später auf den Deichen durch Schafe ersetzt werden.

Und schon nach einer Stunde ist es soweit. Ich sehe es. Das Ziel meiner Reise: Das Meer! Die Nordsee!

Ich fahre noch etwas weiter und verliere das Wasser zwischenzeitlich aus den Augen, was einerseits an den Häusern liegt, andererseits aber auch am Deich, der jetzt zwischen mir und dem Meer liegt.
Kurz vor eben diesem Deich frage ich einen Einheimischen, ob ich mit meinem Fahrrad auch da drauf dürfe.
Ich darf.
Er fragt mich mit einem wundervollem, nordischen Akzent, von wo ich komme, und wo es denn noch hingehen soll. Seine Reaktion ist nicht ganz so überzogen überrascht, wie ich es kenne, aber begeistert ist er trotzdem. Doch bevor wir uns länger unterhalten können, kommen seine Kinder zurück und wir verabschieden uns wieder.

Ich mache mich sogleich daran, mein Rad über den Rasen auf den Deich zu schieben. Hier oben sind tatsächlich Betonplatten verlegt, auf denen ich ganz gut fahren kann. Nicht immer ganz glatt, aber doch besser als manch andere Belag, den ich schon hatte.
Leider muss ich den Weg nach ein paar hundert Meter wieder verlassen, da ein Zaun den Deich absperrt. Also muss ich wieder auf der Landseite fahren, als es anfängt zu regnen. Aber ich stelle mich einfach unter und warte die paar Minuten ab.
Danach geht es weiter und ich lande zwischen einer Schafherde, die das Gras kurz hält. Näher als ein paar Meter kommen mir die Tiere aber nicht, da sie (bis auf Ausnahmen) doch ziemlich scheu sind.
Määääähh …

Ich fahre weiter Richtung Wilhelmshaven und lande schließlich auf einem Weg zwischen Deich und Meer.
Links von mir der Deich und rechts das Meer. Ein wunderbarer Anblick (meine Motivation ist auch längst wieder da), für den sich das Fahren gelohnt hat.

Nur der Hunger wird langsam lästig. Und so biege ich kurz vor der Südpromenade nach links ab und lande direkt am Hafen von Wilhelmshaven. Hier gibt es zwar eine Straße und reichlich Autos, aber ich sehe weder ein Restaurant/Imbiss noch ein Hotel.
Aber eines nach dem anderen. Erst einmal etwas essen und dann das Hotel. Einem Gefühl folgend fahre ich nach links und entdecke nach ein paar Metern den „Kiosk Fliegerdeich“, wo ich das beste Matjesbrötchen kriege, das ich je gegessen habe.
Vergesst „Nordsee“, der „Fliegerdeich“ schlägt sie um Längen. Die kleinen, handgemachten Läden sind immer noch die Besten.

Aber jetzt wird es Zeit, nach einem Platz für die Nacht zu suchen. Also weiter in die Stadt.
Auf dem Weg sehe ich ein Haus mit der wahrscheinlich längsten Fensterfront, die ich je gesehen habe. Die Wohnungen sind bestimmt teuer, haben auf der anderen Seite des Gebäudes aber einen wahnsinnigen Ausblick aufs Meer.
Ich suche aber nach einem Hotel. Das sollte in einer touristischen Stadt wie dieser hier eigentlich nicht allzu schwer werden.
Von wegen.
Ich fahre fast eine Stunde quer durch die Stadt, bis ich endlich das Hotel Schröder finde, wo ich mich für eine Nacht einmiete.

Die letzten beiden Abende habe ich immer im Hoteleigenen Restaurant gegessen, doch heute habe ich dazu keine Lust. Ich möchte raus und etwas vom Ort sehen.
Doch das Hotel liegt weiter von der Innenstadt entfernt, als gedacht und so laufe ich eine halbe Stunde, bis ich die Pizzeria Pascha entdecke und eine (eher mittelmäßige) Pizza zu Abend esse.
Auf dem Rückweg frage ich mich, wer eine Pizzeria nach einen Bordell in Köln benennt?

Gefahrene km: 131,71
reine Fahrzeit: 6h 25min

Auf zur Nordsee – Tag 2

Ich weiß nicht, warum, aber in der letzten Nacht habe ich ziemlich schlecht geschlafen. Wahrscheinlich habe ich mich in dem Bett nicht richtig wohl gefühlt. Wer weiß.
Aber als ich das Hotel verlasse, ist die Müdigkeit verflogen und ich packe mein Fahrrad wieder zusammen. Gleichzeitig verlässt auch ein anderer Radreisender das Hotel und bis zu dem Moment hatte ich immer geglaubt, Leute, die auf solche Art Urlaub machen, würden einander zumindest grüßen. Aber nichts da. Der Typ geht einfach an mir vorbei, als würde er mich nicht sehen.
Na ja, was soll’s. Manche Menschen rennen halt mit Scheuklappen durch die Gegend.
Ich mache mir keine weiteren Gedanken um den Typen und fahre weiter Richtung Norden.
Schon nach ein paar Metern bin ich froh, dass ich vor Beginn der Reise auf Papa gehört und meine Motorradhandschuhe eingepackt habe. Bei diesen Temperaturen sind die echt nützlich. Und noch ahne ich nicht, dass ich sie jetzt jeden Morgen tragen werde.
Ich fahre zwei Kilometer und setzte mich dann auf eine Mauer am Straßenrand um das Schweineohren und die Donuts von gestern zu frühstücken. Hier ist um diese Uhrzeit auch schon ganz schön was los. Im Minutentakt fahren Trecker mit Anhängern an mir vorbei um irgendetwas von einem Ort zum nächsten zu transportieren. Was genau, weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher und gefragt habe ich auch nicht.
Nur leider wirbeln sie dabei so viel Staub auf, dass ich mich jedes Mal aus dem Wind drehen muss, damit mein Essen nicht versandet. Trotzdem habe ich es irgendwie geschafft, nicht ein einziges Sandkorn zu schlucken.
Danach geht es weiter. Ich folge den Radwanderwegen und lande plötzlich auf einem Privatweg, der über eine Truthahnfarm führt. Laut Karte (und Beschilderung) bin ich richtig und der Weg müsste geradeaus weiter gehen.
Und das tut er auch, nur eben über diese Farm. Zum Glück sieht mich keiner, wer weiß, was dann noch passiert wäre. Doch kurz hinter der Farm wir der Weg durch eine Schrank versperrt. In dem Moment bin ich ganz froh, ein Fahrrad zu haben. Mit dem Motorrad oder gar Auto wäre hier Ende (Abgesehen davon, dass ich mit den beiden gar nicht erst hierher gekommen wäre). So muss ich einfach nur die Taschen abbauen, alles auf die andere Seite heben und schon kann ich weiter fahren.

Irgendwann wird es Mittag und ich wundere mich, dass ich schon fünfzig Kilometer gefahren bin. Und das, obwohl ich das Rad den kompletten Weg die Dammer Berge rauf geschoben habe. Gar kein übler Schnitt. Wenn das so weiter geht, habe ich so zwischen vier und fünf Uhr die hundert voll.

Landschaftlich gibt es auch nichts Neues mehr. Inzwischen sehe ich fast nur noch kleine Alleen mit Maisfeldern links und rechts. Ziemlich eintönig, wenn ihr mich fragt. Nur gelegentlich bricht diese Einöde etwas auf und ich kann mehr von der Landschaft sehen.
Vielleicht sollte ich noch einmal wieder kommen, wenn die Felder leer sind.

Zwischendurch fahre ich durch einen kleinen Ort namens „Amerika“. Ich kann jetzt also behaupten, mit dem Fahrrad durch Amerika gefahren zu sein.

Kurz hinter Cloppen­burg fängt es dann an zu regnen. Aber nicht stark, so dass ich mich einfach unter einem Baum unterstelle und eine Kleinigkeit esse. Rein zufällig kommt dann ein Einheimischer vorbei und fragt, wo es denn noch hingehen soll und wo ich herkomme.
Ich antworte wahrheitsgemäß und bin ganz erstaunt, dass er Gütersloh kennt. Ich habe zwar ein paar Probleme, ihn zu verstehen (er nuschelte etwas), habe aber heraus hören können, dass er schon und Steinhagen, Halle und Versmold gearbeitet hat.
Überhaupt machen die Leute hier draußen einen ziemlich netten Eindruck. Mehr als die Hälfte derer, die ich grüße, grüßen zurück. Mit Ausnahme der Autofahrer, die grüßen überhaupt nicht.
So langsam kristallisiert sich auch mein Ziel für heute heraus: Garrel.

Dort angekommen finde ich sofort einen Getränkemarkt, der sogar „meine“ Germeta Apfelschorle in der 0,75 Liter Flasche führt. Diese Dinger passen einfach perfekt in meine Flaschenhalter. Die Flaschen scheinen zwar schon etwas länger im Regal zu stehen, aber das macht nichts. Bei den Wegen, die ich nehme ist alles, was sich abgesetzt hat, im Nu wieder durch geschüttelt.

Kaum komme ich aus dem Laden, hat es heftig angefangen zu regnen und ich ziehe meine Regensachen über. Jetzt weiß ich noch nicht, dass ich sie zweihundert Meter später wieder ausziehen kann, weil ich ein Hotel gefunden habe.
Das „Hotel zur Post“. Hier zahle ich knapp 60 € für eine Nacht, habe dafür aber kostenloses W-LAN und ein Frühstück am nächsten Tag.
An diesem Abend finde ich es richtig gut, mein Netbook eingepackt zu haben. Im Laufe der Reise werde ich es allerdings nie wieder brauchen.

Gefahrene km: 104,51

reine Fahrtzeit (ohne Pausen):6h, 6 min.